MBSR und Krav Maga

Krav Maga und MBSR - Stress-Reaktion

Was hat Krav Maga (KM) mit Mindfulness Based Stress Reduction (MBSR) zu tun? Warum können wir im Krav Maga Center Frankfurt/Rhein-Main auf der einen Seite Selbstverteidigung und Nahkampf, Fighting Fitness und letztlich Überlebenstechniken und -taktiken lehren und andererseits etwas, was auch unter den Stichworten „Meditation“ oder „Achtsamkeit“ daherkommt? Mithin also einerseits etwas, was gerne mit Begriffen wie „hart“ oder „tough“, „ruppig“ und „rau“ assoziiert wird, andererseits „weich“ oder „innerlich“.

Ganz einfach. Weil es in beiden Fällen unterm Strich um eins geht: Stress.

Stressbewältigung ist das MBSR & Krav Maga-Stichwort

Wenn man so will: Stressbewältigung. Der Umgang mit Stress, die Bewältigung von stress-intensiven oder stress-reichen Situationen.

Ein Angriff auf die körperliche, geistige oder seelische Unversehrtheit stellt immer die intensivste, weil existenziell bedrohlichste Form von Stress dar. Schließlich ist unsere Stress-Physiologie mit der Fight-or-Flight-Reaktion in grauer Vorzeit entstanden als es ums Leben ging, wenn der Säbelzahntiger nahte. Darauf kommen auch Anti-Stress-Lehrer aus therapeutischem oder psychologischem Umfeld zurück, wenn sie erklären wollen, was in unserem Körper an hormonellen bzw. biochemischen Abläufen passiert, wenn wir im Alltagsstress sind – und der Säbelzahntiger mittlerweile in Form einer stressigen Beziehung in Familie oder Beruf daherkommt.

WhatismindfulnessmeditationUnser Körper-Seele-Geist-System mit dem Gehirn als bewusster und unbewusster Steuerzentrale reagiert entlang den in einer jahrzehntausendelangen Evolution angelegten Mechanismen. Wir alle, die wir heute leben, sind die Nachfahren von Feiglingen oder Paranoikern – denn gegenüber dem Säbelzahntiger erwies sich Sorglosigkeit, Unvorsicht, Tollkühnheit u.ä. Eigenschaften als suboptimal. Wer aber vorsichtig, zurückhaltend, misstrauisch, sozusagen paranoid oder feige war, überlebte – und gab seine Gene weiter, in dem er/sie sich mit einem anderen Feigling oder Paranoiker fortpflanzte.

Vorsicht und Angst sind erst einmal sehr sinnvolle, schützende Mechanismen. Und unser Gehirn – d.h. dessen limbisches System – ist nicht an unserem Glück interessiert, sondern an Systemerhalt. Es bewertet vermeintliche oder tatsächliche Gefahren und Gefährdungen immer höher als angenehme, freundliche Erfahrungen. Es richtet die Aufmerksamkeit des Gesamtsystems immer mehr auf negative denn auf positive Impulse in der Umgebung.

Nervosität, Unruhe, Anspannung, Angst sind Stress-Merkmale im Kampf bzw. einer gewalttätigen Situation – und zwar in kürzester Zeit hochverdichtet auf die Spitze getrieben. Nervosität, Unruhe, Anspannung, Angst sind Stress-Merkmale von posttraumatischen Belastungsstörungen – ob diese im Krieg entstehen oder die Folgen einer zivilen Gewaltanwendung wie Raubüberfälle, Schlägereien, sexuelle Übergriffe und Missbrauch sind. Nervosität, Unruhe, Anspannung, Angst samt Schlaf- und anderen -störungen sind aber auch Stress-Merkmale des Alltags mit Familie und Arbeit, Geld- und Zukunftssorgen als vordringlichen Stressoren.

Also geht es einerseits um eine kurzfristige Spitzenbelastung im Falle einer plötzlichen existenziellen Bedrohung und Gefährdung, andererseits um die langfristig wirkende, permanent nagende und die Energien aushöhlende niedrigschwellige Dauerbelastung des Alltags-Stresses. Bei einer Gewalttat mag man dabei noch positiv finden, dass es zu einer tatsächlichen Fight-or-Flight-Reaktion kommt, die zum Abbau der ausgeschütteten – und akkumuliert krank machenden – Stress-Hormone führt. Im Alltags-Stress dagegen geht die Cortisol-Anhäufung mit einer Reihe von Zivilisationskrankheiten einher, wie Herz-Kreislauf-Problemen, Krebs, Depression, Burn-Out etc.

Denn unser Gehirn kennt keinen Unterschied zwischen kleinen und großen, vermeintlichen oder tatsächlichen Gefährungen oder Beeinträchtigungen. Dauer-Stress bedeutet Dauer-Alarmzustand – etwas, womit das menschliche Gesamtsystem letztlich nicht fertig wird. Die Entwicklung des Achtsamkeit, etwa mittels des westlich-wissenschaftlich evaluierten MBSR-Programms, gilt hierfür als „Gegengift“. Ein Heilmittel, das hilft, Ruhe, inneren Frieden, ja Glück zu finden.

Und dabei geht es nicht um esoterischen Schnick-Schnack. Krav Maga und MBSR haben auch gemeinsam, dass sie säkulare, logische Methoden sind, ohne Anbindung an irgendeine Glaubensrichtung. Krav Maga ist ein in sich geschlossenes logisches System, und MBSR vereint traditionelle Methoden wie Meditation mit Erkenntnissen moderner Neurowissenschaft und Hirnforschung. MBSR ist obendrein westlich-wissenschaftlich als effizient evaluiert.

Krav Maga-Instructor & MBSR-Lehrer: Stress-Experten!

Wer nach den Begriffen „Achtsamkeit“ oder „MBSR“ mit Hilfe einer Internet-Suchmaschine forscht, wird häufig auf Anbieter der MBSR-Achtwochenkurse stoßen, die aus dem therapeutischen Umfeld stammen oder aus anderen Sozial- bzw. Gesundheitsberufen. Einen Krav Maga-Instructor wird man darunter kaum finden. Dabei ist ein Krav Maga-Instructor ein Stress-Experte per se. Vielleicht sogar noch mehr – weil er auch die andere Seite kennt (von den zeitgenössischen menschlichen Nachfahren des Säbelzahntigers mit ihrer Raubtiermentalität haben die Kollegen aus Psycho- & Therapiezunft häufig wenig praktische, sondern mehr theoretische Kenntnis).

Allerdings ist ein qulifizierter Sozial- oder Gesundheitsberuf notwendig, um eine vom Center for Mindfulness in Massachusetts (die Wiege des MBSR) anerkannte MBSR-Lehrer-Ausbildung zu absolvieren. Diplom-Sozialpädagoge etwa. Und tatsächlich bin ich nach meinem Sozialpädagogik-Studium in den 80er Jahren eine Zeitlang auf Therapeuten-Pfaden gewandelt und bin ein Jahr lang in der Gesprächspsychotherapie ausgebildet worden. Obendrein sind mir als NLP-Coach verhaltens- und hypnotherapeutische Ansätze nicht unbekannt.

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Wenn ich also sowohl Krav Maga unterrichte als auch als MBSR-Kursleiter fungiere, ist dies überhaupt kein Widerspruch. Im Gegenteil: MBSR wird mittlerweile in der Stress-Vorsorge wie Stress-Nachsorge bzw. Behandlung von Posttraumatischen Belastungsstörungen bei Polizisten oder Soldaten eingesetzt, und warum sollte man nicht nach Gewalterfahrungen traumatisierten Menschen helfen, wieder ins Leben zu finden? Bzw. ihnen zu helfen, in die zivile Gesellschaft zurückzukehren? Das würde doch etwa für Feuerwehrleute und Rettungssanitätern, die häufig extreme Erfahrungen machen – man denke ans ICE-Unglück von Eschede -, auch gelten… Ich denke, für Leute aus „robusten“ Berufen muss es auch Ansprechpartner geben, die ihr Denken & Verhalten kennen und verstehen, ihre Sprache sprechen, aus ihrem Holz geschnitzt sind.

Aber selbstverständlich richtet sich unser Angebot auch an alle Leute aus allen Berufen, allen Schichten, allen Befindlichkeiten. Letztlich geht es immer um dasselbe. Wenn ich ein Krav Maga-Basisseminar halte, pflege ich häufig am Ende eine Geschichte zu erzählen. Darin geht es um eine Diskussion unter Kampfexperten: Was denn bloß das Beste sei, was man zu Krav Maga dazu üben könnte. Vielleicht Boxen? Vielleicht Brazilian Ju Jutsu? Vielleicht Langlauf?

Schließlich sagt einer: Das Beste, was man zum Krav Maga dazu üben könnte und machen sollte, ist: Be happy.

Wer sich selbst verteidigen kann, seiner selbst sicherer ist, fühlt sich sicher und weniger angespannt oder von möglichen Gefährdungen beeinträchtig. Und so sind Krav Maga und Achtsamkeit bzw. MBSR nichts weiter als zwei Seiten einer Medaille, bei der es letztlich immer um geistig-seelische wie körperliche Unversehrtheit, Gesundheit im umfassenden Sinne – also: Glück geht. Anders gesagt, um Selbst-Verteidigung – die Verteidigung des Selbst gegen äußere und innere Feinde.

Stress ist unvermeidlich. Ein einziger Stress, das ganze Leben – man muss also lernen, damit umzugehen. D.h., es geht immer um die Stärkung der eigenen physischen und psychischen, d.h. mentalen Ressourcen. Oder wie es MBSR-Begründer Jon Kabat-Zinn genannt hat: You can’t stop the waves, but you can learn to surf.

Ups and downs

P.S.: Im Übrigen hat eine solche Kombination aus Kampf- und Heilmethode geradezu schon Tradition. In den klassischen Kampfkünsten – speziell dem chinesischen Kung Fu – gab es häufig Lehrer, die Kämpfer und Heiler gleichermaßen waren. Im klassischen Karate oder besonders dem hierzulande wenig bekannten und verbreiteten Shorinji Kempo (einer japanischen Form des chinesischen Shaolin Kung Fu) ist die Einheit von Körper und Geist grundlegend – und damit gehört die Ausübung „harter“ wie „weicher“ Bestandteile (Meditation, Qigong) zum Programm.


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