Angst, und wie man damit umgeht, Teil III

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Stress & Angst: Wie sie die Leistung beeinflussen

Stress kann durch soziale, physische oder mentale Faktoren ausgelöst werden. Soziale Faktoren sind meist Gedanken – häufig darüber, welche Meinung andere über uns haben mögen. Physische Faktoren können Kälte, Schmerz, Müdigkeit oder auch Geräusche und hohe Lautstärke sein. Mentale Faktoren sind wiederum ausgelöst durch Gedanken darüber, was mit uns passieren wird oder was zu tun ist (beispielsweise auch, ob wir eine gewalttätige Konfrontation überleben werden).

Alle drei Arten von Faktoren können gleichzeitig eintreten, wenn wir einer ungewissen Situation ausgesetzt sind. Stress wird dabei durch eine sogenannte „Stressreaktion“ ausgelöst. Die Aktivierung einer Stressreaktion wiederum wird durch die individuelle Wahrnehmung einer Person – nämlich dass eine Situation als bedrohlich empfunden wird – ausgelöst. Folgerichtig bedeutet dies, dass die Einschätzung einer Situation von den psychologischen Ressourcen der jeweiligen Person abhängig ist: eine Person mit mehr psychologischen Ressourcen, und dementsprechend mehr Antrieb, wird dieselbe Situation immer als weniger bedrohlich einschätzen als eine Person mit weniger psychischer Stabilität.

Stress = ein Ungleichgewicht

Dies ist einer der Gründe, warum es sich lohnt auch mentale Aspekte in sein physisches Training einzubeziehen: um einen Umgang zu haben und in stressigen Situationen bestehen zu können. Laut Definition ist Stress eine Notlage, welche durch eine emotionale Verfassung (Unruhe, Anspannung oder physische Faktoren) ausgelöst wird. Stress entsteht, wenn zwischen den Anforderungen mit denen man konfrontiert wird, und der Quelle aus, der man seine Kraft schöpft, ein Ungleichgewicht herrscht.

Stress bedingt, dass große Mengen an Information verarbeitet werden müssen. Empfundener Stress setzt die Aktivierung des vegetativen (autonomen) Nervensystems, einem Teil des größeren sympathischen Nervensystems, in Gang. Dabei ist Stress die Vorbereitung des Gehirns und des Körpers, mit etwas das um uns oder in uns passiert, umzugehen. Angst entsteht in dem Moment, in dem wir das Gefühl bekommen mit der jeweiligen Situation nicht zu einem positiven Ausgang zu gelangen.

Angst ist nur eine Emotion

Es ist wichtig zu verstehen, dass Angst dabei lediglich eine Emotion ist, die durch eine empfundene Bedrohung ausgelöst wird. Die Verhaltensänderungen die wir als Reaktion auf empfundene Angst zeigen sind zum Beispiel: wegrennen, sich verstecken oder auch erstarren auf Grund eines traumatischen Erlebnisses. Angst kann zudem auch als Antwort auf einen bestimmten Stimulus, in einer anhaltenden Situation oder bei dem Gedanken an eine zukünftige Situation, auftreten. Diese Situation empfinden wir dann meist als riskant für unsere Gesundheit, unser Leben, unseren Status, unsere Macht und Einfluss und unsere Sicherheit.

Die Angstreaktion entsteht aus unserer Wahrnehmung einer Bedrohung und führt entweder zu einer Konfrontation mit, oder einer Flucht vor eben dieser Bedrohung. Besser bekannt ist dies auch als Kampf oder Flucht- Reaktion („fight or flight-reaction“), die in extremen Angstsituationen, im Angesicht von Terror oder Horror auch zu einer kompletten Lähmung („freeze“) führen kann.

Stress beeinflusst Gesundheit und Leistung

Die Wissenschaftsliteratur zu diesem Thema lässt keinen Zweifel daran, dass Stress und die begleitende Stressreaktion einen eindeutigen Effekt auf die menschliche Gesundheit und Leistungsfähigkeit haben. Die Frage ist, welche Bewältigungsstrategien wir lernen und anwenden können. Wie bei vielem gibt es auch hier leider keine einfache Antwort: persönliche Lebenssituation und die jeweiligen Umstände sind die Faktoren von denen vieles abhängt.

Dennoch kann die erfolgreiche Anwendung von Bewältigungsstrategien in vielen Studien nachgewiesen werden: beispielsweise während der 1980er Jahre, zur Zeit des Kriegs um die Falklandinseln, gab ein Großteil der dort stationierten britischen Militärangehörigen an, positives Denken als Haupt-Bewältigungsstrategie verwendet zu haben.

Die Angst -Reaktion

Sehr oft hat Stress unangenehme und negative Konsequenzen, welche sich meist in den folgenden vier Bereichen zeigen: kognitiv (in den Dingen über und an die wir denken), somatisch (was körperlich in uns passiert), emotional (was wir fühlen) und in unserem Verhalten (die Dinge die wir tun oder nicht tun). Potenziell kann in jedem dieser Bereiche der Grund für Leistungseinbußen liegen: moralisch, unser Engagement oder Sicherheitsempfinden betreffend, sowie die jeweilige persönliche Fähigkeit mit der Situation umzugehen, in der wir uns befinden.

Dieser Prozess, eine Situation als negativ zu empfinden, ist bekannt als „Angst-Reaktion“. Eine solche erleben wir, wenn wir etwas oder jemandem gegenüberstehen, den wir als bedrohlich empfinden. Es gibt Unterscheide darin, wie intensiv wir die Auswirkungen in dem jeweiligen Bereich empfinden. Wenn wir bei der Arbeit von einem Kollegen verbal angegangen werden, ist die Intensität der Empfindung sicherlich geringer als wenn ebendieser uns dabei mit einer Schusswaffe bedrohen würde. Letztere Situation würde daraufhin wahrscheinlich wieder zu einem anderen Ergebnis führen: einer Kampf- oder Flucht-Reaktion.

Die Kampf/Flucht-Reaktion

Hinter dem Begriff der „Kampf/Flucht-Reaktion“ verstecken sich sieben mögliche Ausgänge einer Situation: natürlich Kampf und Flucht, aber auch Angststarre, Unterwerfung, der Versuch, seinem Gegenüber Ehrfurcht einzuflössen, die Unfähigkeit zu atmen oder zu schlucken, und der sogenannte Todesgriff.

Die Kampf-Reaktion bezeichnet eine Situation, in der die jeweilige Reaktion im Kampf oder der Verteidigung gegen den jeweiligen Gegner liegt. Kämpfen bedeutet in diesem Zusammenhang nicht nur physisches Kämpfen, sondern auch Behauptung und verbale Konfrontation. In der Flucht-Reaktion entzieht man sich dagegen der Situation, rennt beispielsweise aus einem brennenden Gebäude oder vor einem Angreifer davon (als Menschen sind wir übrigens dahingehend programmiert in 80 Prozent der Fälle diese Möglichkeit zu wählen).

Dagegen führt die Angststarre zu einer zeitweisen Lähmung, die Unfähigkeit irgendetwas zu bewegen oder zu tun (im Training häufig als „Fuck-up“ bezeichnet). Bei Unterwerfung ergibt man sich in der Hoffnung, dass Gegner oder Angreifer aufhören zu attackieren. Einem Gegner Ehrfurcht einflössen tut man, in dem man sich „aufplustert“ und vorgibt, gegen ihn kämpfen zu können und zu wollen.

Die Unfähigkeit zu atmen oder schlucken ist vergleichbar mit dem tatsächlichen Gefühl, von jemandem gewürgt zu werden. Und schliesslich noch der Todesgriff, bei der eine Person in extremer Angst festhält, was immer er oder sie gerade zu fassen bekommt (beispielsweise einen Türgriff oder einen Arm). Es sind Fälle bekannt, in denen ein solcher Griff durch Polizeibeamte erst durch das Brechen von Fingern oder einem Schlag der zur Bewusstlosigkeit geführt hat gelöst werden konnte.

Aller Dramatik zum Trotz lässt sich zusammenfassend festhalten, dass es von Vorteil ist, Herangehensweisen zu kennen, die helfen in solch stressigen und ängstigenden Situationen zu bestehen.

Von Ole Boe, Krav Maga Expert Level 3, Militärpsychologe der norwegischen Armee und Mentaltrainer von Kampfpiloten, Sondereinheiten u.a.

(Deutsche Übersetzung von Julia Krust)

Nächste Folge: Drei Wege, der Angst zu begegnen (erscheint am Montag, 19. Oktober 2015)

 

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