Krav Maga Expert 2: Ein Kreis schliesst sich

Vor zwölf Jahren setzte ich mich im August in ein Flugzeug, das mich nach Oslo brachte; dort stieg ich in einen wesentlich kleineren Flieger um, der schliesslich in einem – aus Deutschlands Perspektive – obskuren kleinen Ort in Nordnorwegen landete, namens Bodoe. Ein Wort, das ich bis heute nicht halbwegs ordentlich aussprechen kann.

Dort nahm ich am einwöchigen Krav Maga Summercamp 2002 teil, mein erster Kontakt mit Krav Maga überhaupt. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon seit einem Jahr mit dem Ju-Jutsu-Training (im Deutschen Ju-Jutsu Verband) aufgehört. Ich hatte es im Laufe von mehr als 25 Jahren Ausübung bis zum 3. Dan gebracht, was bedeutete, dass ich zu einer zweistelligen Zahl an Leuten gehörte inmitten eines Verbandes, der rund 25.000 Mitglieder zu diesem Zeitpunkt umfasste. Mit anderen Worten: Da war die Luft schon dünn, oben drüber kam nicht mehr viel, höchstens ein bis zwei Dutzend Leute mit höheren Graduierungen.

Krav Maga statt Ju Jutsu

Aber im Ju-Jutsu fühlte ich mich festgefahren. Zuviel komplizierte Techniken, die für mein eigentliches Interesse – der realitatsbezogenen Selbstverteidigung – keinen Nährwert hatten. Als Leichtgewicht – immer zwischen 60-65 Kilogramm Gewicht bei 173 Zentimeter Körpergrösse – hat man da halt andere Ansprüche als ein Mittel- oder Schwergewichtler. Ein paar Jahre hatte ich halbwegs erfolgreich mit dem Ju-Jutsu-Wettkampf der alten Schule verbracht (heute würde man sagen „MMA-Light“), aber Wettkampf und Selbstverteidigung sind halt zwei verschiedene paar Schuhe, auch wenn viele Leute das nicht wahrhaben wollen. Ich kam zu dem Punkt, wo ich im Weitertrainieren, um 4. Oder gar 5. Dan zu werden, keinen Sinn sah. Zumal bei diesen Graduierungen auch Meriten um Verein und Verband, sowie „Politisches“ eine Rolle spielen.

Ich stieg aus, und dümpelte so ein Jahr lang vor mich hin. Dann las ich einen Zeitschriften- oder Zeitungsartikel über die verschiedenen Nahkampfsysteme, die Armeen in der ganzen Welt einsetzten. Und darin hiess es, die Israelis übten etwas, dessen geheimnisvolle Bezeichnung „Krav Maga“ lautete. Dass ein so kleines Land sich gegen so viele, offensichtlich übermächtige Gegner erfolgreich zur Wehr setzen konnte, hatte mich schon von jeher beeindruckt. Und natürlich dachte ich: Was im grossen gilt – im Krieg, in der Schlacht -, müsste sich auch im kleinen, also Nahkampf und Selbstverteidigung, auswirken bzw nachvollziehbar zeigen lassen.

Krav Maga Bodoe Summercamp 2002

Damals gab’s kein Google, aber dessen Vorläufer als Internet-Suchmaschinen (heutzutage alle von der Bild(schirm)fläche verschwunden), und so stiess ich auf eine norwegische Seite – hauptsächlich deswegen, weil sie in englisch formuliert war. Darin wurde zur Teilnahme am Bodoe Summercamp 2002 aufgerufen. Was es sonst so zu Krav Maga gab, war in unverständlichen Sprachen und Schriften verfasst, und so mutig, einfach nach Israel zu fliegen, war ich zu diesem Zeitpunkt nicht.

Als in Deutschland einige wenige Leute in den Jahren um 2000 sich für Krav Maga zu interessieren begannen (zu denen ich dann zählen sollte), waren in Skandinavien (und Osteuropa) schon ein paar Leute zuvor unterwegs gewesen. Daher gab es eine Trainings- und Seminarsstruktur, anders als in Deutschland. Das Bodoe Summercamp zählte dazu.

Ich war immerhin mutig genug, ohne jegliche Kenntnis von Krav Maga, Norwegen, Leuten, egal was, einen Sommerurlaub mit dem Trainingslager zu gestalten. Ich hatte keine Ahnung, wen oder was ich da treffen würde, und wie durchgeknallt die Teilnehmer oder die Veranstaltung sein würde. Ich buchte Camp und Flug, sowie eine (eher obskure) Unterkunft (von denen später einige folgen sollten). Als ich im Flieger nach Oslo sass, ging mir der Arsch auf Grundeis.

Karlsson und sein Gepäck

In Bodoe schliesslich gelandet, trat ich ans Gepäckband, wobei mir ein bärtiger Blonder fast seine Trainingstasche beim Hochheben ins Gesicht manövrierte. Der, und einige andere, die mit mir angekommen waren (Schweden, wie sich später herausstellen sollte), machte auch mit. Unter diesen befand sich ein Mensch namens Tommy Blom, der sich als der Haupt-Instructor des Camps herausstellen sollte, und der Unachtsame mit der Trainingstasche, so erfuhr ich später, hiess Björn Karlsson.

Ich erwähne diesen Namen deswegen, weil dieser Karlsson vom Gepäckband zu dem Zeitpunkt, wo diese Zeilen geschrieben werden, einige Reihen weiter vor mir im Flugzeug sitzt, das uns von Tel Aviv nach Frankfurt bringt (und von wo aus Björn weiter in seine Heimatstadt Göteborg fliegt). Es sind also zwölf Jahre seither vergangen.

Und wir kehren beide frohgenut, weil erfolgreich zurück. Zum Zeitpunkt des Bodoe Summercamps 2002 war ich Neuling, Björn schon Krav Maga-Instructor, mit einem niedrigen Graduate-Level. Wir trainierten in verschiedenen Gruppen, ich in der für Anfänger, Björn in der für Fortgeschrittene. Aber wir trafen uns im Winter 2002/2003 wieder – als Teilnehmer des Krav Maga Touring & Training Camps in Israel.

Krav Maga-Instructor und Krav Maga-Levels

Bodoe gab mir genug Begeisterung fürs Krav Maga und Selbstvertrauen, den nächsten Schritt zu gehen, nach Israel zu gehen. Und am Ende von T&T 2002/3 waren Björn und ich zeitweilig „room mates“. Und in der letzten Nacht des Camps sassen wir zusammen und er meinte sowas wie: „Du scheinst zu uns zu passen. Warum wirst du nicht Krav Maga-Instructor? Das Zeug dazu hast du, melde dich doch für den Instructor’s Course an!“

Als Quereinsteiger mit einem 3. Dan in Ju-Jutsu konnte ich das, auch wenn meine KM-Vorkenntnisse nur aus den zwei Wochen in Bodoe und Netanya stammten. Und ich tat es, meldete mich an, mit den Intensiv-Trainingswochen allesamt in Skandinavien, genauer: im finnischen Espoo und dem schwedischen Göteborg. Auch das letztlich wieder ein Sprung ins Ungewisse. Bodoe war von Rune Lind (der mir die notwendige „recommendation“ für den Instructor Course gab) organisiert, damals mit dem Level Expert 1.

Im Krav Maga gibt es Practicioner- (Einsteiger-), Graduate- (Fortgeschrittenen-) und Expert- (Experten)-Levels. Der erwähnte Tommy Blom trug zwei Streifen fürs Expert 2-Level auf der Hose. Als Expert 1 bzw. 2 waren Lind und Blom Halbgötter für mich, Karlsson müsste zu dieser Zeit Graduate 2 oder 3 gewesen sein. Oberhalb von Blom und Lind kamen nur Israelis mit höheren Levels, und so wurden wir im Instructor Course von Eyal Yanilov persönlich, und von Amnon Darsa, damals Expert 3 oder 4, unterrichtet. Aus europäischer Sicht waren Blom und Lind mit ihren Expert-Levels Spitzenkräfte.

Krav Maga Expert 2 Leveltest bestanden

In diesem Text gibt es eine lange Vorgeschichte; die ist bis hierhin erzählt. Die Hauptgeschichte ist vergleichsweise kurz und steht am Ende. Björn Karlsson kehrt aus dem diesjährigen Expert-Camp in Israel nach erfolgreichem Test mit dem Expert 3-Level zurück, ich mit dem Expert 2-Level. Nach einem langen, sehr harten Test, währenddessen eine Kontaktlinse in meinem rechten Auge durch Trefferwirkung zer- und eine oder mehrere Rippen auf der rechten Seite womöglich angebrochen sind (oder wenigstens heftig geprellt).

D.h., ich bin da, wo ich angefangen habe. Expert 2 – das war Tommy Blom damals im Bodoe Summercamp (mittlerweile ist er Expert 5, und damit Nr. 3 in Krav Maga Global), und dieses Level habe ich jetzt erreicht. In Deutschland gibt es innerhalb von Krav Maga Global, der Organisation, der wir angehören, seit gestern einen Expert 3-Träger und sieben Expert 2-Inhaber. Mitglieder des Global bzw. International Teams – der Instructor-Elite unserer Organisation – sind wenigstens Expert 2 oder Expert 3. Es gibt Pi-mal-Daumen nur ein bis zwei Dutzend davon weltweit.

Ich bin also wieder da, wo die Luft dünn wird. Jeder einzelne Krav Maga-Leveltest in all den Jahren war doppelt und dreifach so hart wie jede jeweils vergleichbare Ju-Jutsu-Gürtelprüfung. Das Expert 2 Level bedeutet für mich sehr viel mehr als ein 3. Dan Ju-Jutsu.

Expert 2 Leveltest: Ein Kreis schliesst sich

Ein Kreis schliesst sich also. Alles begann in Bodoe und Netanya, und alles endet … nicht in Netanya, mit dem Expert 2-Leveltest. Ein Kreis schliesst sich, aber die Reise geht weiter. Ein Expert 3- Leveltest wird frühestens in drei Jahren möglich sein, so das Reglement. Unwahrscheinlich, dass ich ihn im Alter von dann 58 Jahren antreten, womöglich sogar erfolgreich absolvieren werde. Während ich jetzt im Flugzeug sitze, in den engen Sitzreihen, von blauen Flecken und Schrammen übersät, mit dem Rippenproblem, kann ich mir das so gar nicht vorstellen.

Aber wer weiss schon, was die Zukunft bringt. 2002 in Bodoe hätte ich noch nicht einmal zu träumen gewagt, dass ich dereinst das Level erreichen würde, das Tommy Blom damals hatte.