Hilf dir selbst

Dominik Brunner könnte noch leben, wenn er Krav Maga trainiert hätte. Der Held von Solln, der Teenagern zu Hilfe gekommen war und von zwei Jugendlichen auf dem S-Bahnsteig zu Tode geprügelt wurde, hat vermutlich mehr oder weniger sofort das Bewusstsein verloren – sei es durch direkte Schlageinwirkung, sei es im Sturz durch den Aufprall auf Bahnsteiggeländer oder Boden. Es war vorbei, bevor er nur eine Chance hatte, sich zu schützen (Hergang und Hintergund: Tod eines Mutigen).

Im Krav Maga trainieren wir, einen harten Sturz halbwegs unbeschadet zu überstehen, sofort danach in eine Verteidigungshaltung am Boden und unmittelbar zu Gegenangriffen überzugehen. Stehen die Chancen auch schlecht – je nach Überlegenheit der Angreifer – so geht es dennoch darum, sich die Möglichkeit zu eröffnen, dass Polizei, Rettungsdienste oder andere Helfer rechtzeitig eingreifen können.

Dominik Brunner hätte die beiden jungen Erwachsenen wohl kaum k.o. oder in die Flucht schlagen können. Das wäre möglicherweise jemandem gelungen, der schon länger und intensiv Krav Maga oder Thaiboxen trainiert hätte – denn die beiden bzw. drei Gewalttäter sind zwar routinierte Schläger, aber wie so häufig technisch und taktisch offensichtlich nicht sonderlich versiert. Solche Leute verstehen sich vor allem darauf, wahllos auf tatsächlich oder vermeintlich Schwächere einzuprügeln – vor allem dann, wenn sie in Überzahl sind.

Bei so einem Übergriff kommt es vor allem auf mentale Eigenschaften an, den unbedingten Willen zum Überleben und zur Gegenwehr, ergänzt um ein paar einfache technische Fertigkeiten. Das kann man sich im Krav Maga-Training in einem überschaubaren Zeitraum aneignen, denn genau darauf ist das Training angelegt: Entwicklung von Widerstandskraft und Kampfgeist und einfachen Selbstverteidigungstechniken.

Einer der im Krav Maga Center Frankfurt/Rhein-Main Trainierenden war nur drei Monate dabei und konnte sich bei einem Hooligan-Angriff in Glasgow erfolgreich zur Wehr setzen: Das eingesetzte Repertoire war einfach – Kopfstoß, Ellbogenschlag, Kniestoß -, das entscheidende Moment lag in seinem Willen zur Gegenwehr und seiner Fähigkeit, sich von der Angst nicht lähmen zu lassen. Diese hatte der freundliche und harmlose Rechtsrefendar im Krav Maga-Training entwickelt. Auch in diesem Fall diente die entschlossene, zielgerichtete Gegenwehr nicht dazu, den Angreifer vollständig umzuhauen – aber sie verschaffte ihm (und seinem Begleiter) die Möglichkeit zur Flucht.

Dominik Brunner hätte die Schläge und Tritte der beiden Jugendlichen sicherlich nicht unverletzt überstanden – aber er hätte vermutlich überlebt. Er hätte sich einen Zeitraum, eine Chance eröffnen können. Denn die bereits alarmierte Polizei kam ja relativ schnell, und vielleicht hätte sich einer der rund 20 Anwesenden doch noch ein Herz gefasst…

Apropos: Krav Maga würde jedem die Möglichkeit eröffnen, helfend einzugreifen. Wir traineren standardmäßig das Thema Defending third parties – also die zielführende und rasche Nothilfe zugunsten Dritter. Ob das Familienmitglieder, Freunde oder Fremde sind. Man muss sich nicht hilflos fühlen und daneben stehen, wenn Brutalos andere Leute zu Tode treten (Verhalten in Gefahrensituationen: „Es gibt leider keine Patentrezepte“, einen Überblick über Nothilfe und die Frage nach etwaiger unterlassener Hilfeleistung erläutert der Artikel: Wie weit muss Zivilcourage gehen?. Und in der ZEIT wird in Den Täter verwirren erläutert, wie die – verbale – Technik der „paradoxen Intervention“ funktioniert).

In der Frankfurter Rundschau hat Mark Obert zum Amoklauf im Ansbacher Carolinum-Gymnasium (Amokläufer attackierte Schüler mit Axt und Messern) geschrieben (Die falsche Fährte):

Nach Winnenden gipfelte die notwendige Diskussion um die Waffengesetze in der absurden Forderung, ein Spiel wie Paintball zu verbieten – als wäre es im Gegenteil nicht sogar im Sinne der Prävention sinnvoll, dass junge Männer in der Simulation militärischer Gewalt Aggression abladen können.

Die Tat von Ansbach nämlich macht auch deutlich: Wenn ein frustrierter oder gar psychisch gestörter Mensch den einzigen Ausweg in der Gewalt gegen andere sieht, wird er sich jedes verfügbaren Mordinstruments bedienen.

Schön, dass jetzt eingesehen wird, dass das Paintball-Verbot vollkommener Humbug ist. Und dabei wird gleichermaßen gewahr, dass eine Vielzahl von Attacken mit leicht zugänglichen gefährlichen Gegenständen ie Äxten, Beilen, Küchenmessern verübt werden, die sich gar nicht verbieten lassen. Attacken also, deren Abwehr eines der zentralen Themen des Krav Maga ist.

Was wir jetzt erleben, ist eine Kakophonie von Stimmen, die sich mit Prävention beschäftigen oder der Unmöglichkeit, dem kriminellen und asozialen Treiben von Gewalttätern Einhalt zu gebieten, mit der vermeintlichen oder tatsächlichen Unfähigkeit von Polizei und Justiz, die Bürger zu schützen.

Es ist müßig, all die Artikel aufzulisten und zu verlinken, die sich mit dem Geschehen von Solln und all den Defiziten bei Polizei, Justiz, Verkehrsbetrieben in Sachen öffentlicher Sicherheit widmen. Da hat die Personal zu wenig Personal, manchmal auch zuwenig engagiertes Personal, in der Justiz walten Richter weltfremd, und Notrufsäulen und Überwachungskameras funktionieren wegen Kompetenzstreitigkeiten nicht.

Tatsächlich hilft da nur eines: für sich selbst zu sorgen. Sich und seine Familie, Angehörigen, Lieben zu schützen. Gewiss nicht im Sinne von Faustrecht und Selbstjustiz. Aber im Sinne von Selbstverteidigung und Notwehr. Schade nur, dass Staat und Justiz es einem schwer machen, letztere auszuüben. Hierzulande läuft man immer Gefahr, vor Gericht zu landen, wenn man sein Notwehrrecht ausübt. In den USA ist das anders (siehe Student tötet Einbrecher mit Samurai-Schwert).

Aber so ein Kerl wie dieser (siehe U-Bahn-Attacke in Frankfurt: Bekannter Schläger bzw. Mit allen Klischees oder Verurteilter Schläger greift U-Bahn-Fahrerin an)… – vielleicht hilft es da wirklich nur, wenn er mal auf einen stößt, der im derartig die Fresse poliert, dass Ruhe ist.

Christian Thomas hat im Feuilleton der Frankfurter Rundschau seine Gefühle, die eines Kopf- und Schreibtischmenschen, in der B-Ebene der Hauptwache im Artikel Hauptwache Frankfurt: In der Reuse eindringlich beschrieben und schließt:

An der körperlichen Bedrohung allein durch diese Mienen kann man nicht vorbeischauen. Musst du vielleicht ins Fitnessstudio gehen, um zu lernen, wie man das Unbehagen schultert? Um auch den eigenen Körper dazu nutzen zu können, muss er zweifellos gut in Schuss sein. Aber wie leicht kann ein Selbstbewusstsein, das im Kopf unter normalen Umständen vorhanden ist, ganz schnell von den Schultern gestoßen werden.

Wenn man bloß ins Fitnessstudio geht, mag die Gefahr, die in letzterem Satz beschworen wird, gegeben sein. Bei Krav Maga-Training gewiss nicht.

Update 20.9.2009:

Spiegel Online schreibt im Artikel Die letzten Minuten des Beschützers:

Mit geballten Fäusten“ gingen die Täter auf den Geschäftsmann Dominik Brunner, „unseren Beschützer“ los. Eine Woche nach der tödlichen Münchner S-Bahn-Attacke hat eines der vier Kinder erstmals die grausame Tat im Stadtteil Solln geschildert. „Er rief uns noch zu: ‚Haltet euch raus!'“, berichtet die 13-jährige Sarah in der „Abendzeitung“.

Der Haupttäter sei „total ausgetickt“, nachdem ihm Brunner auf dem Bahnsteig zur Selbstverteidigung einen Schlag verpasst habe. Der Jugendliche habe danach wie von Sinnen auf den Mann eingeprügelt.

(…)

Nachdem die Täter endlich geflüchtet seien, sei Brunner noch einmal aufgestanden und habe etwas gemurmelt, was sie aber nicht verstanden habe. Dann sei er zusammengebrochen.

Sollte das tatsächlich so abgelaufen sein, spricht es umso mehr für eine konsequente Krav Maga-Ausbildung. D.h., eine Ausbildung, die einen befähigt, auch eine längere Auseinandersetzung zu bestehen oder den Erstschlag so nachhaltig auszuführen, dass der Gegenseite keine Chance bleibt, den Angriff fortzusetzen. Wenn man einem sehr aggressiven Menschen nur „einen Schlag verpasst“, dann mag das wohl so sein, dass man die Situation nur unvorteilhaft eskaliert. Im Krav Maga herrscht die Regel, dass wenn der gewalttätige Konflikt sich unter allen Umständen nicht vermeiden läßt, wir dann aber auch die Gegenwehr ebenso konsequent und nachhaltig vornehmen.

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