„Keep it simple and stupid“

Tagesseminar mit Head Instructor Eyal Yanilov

Der Jüngste war 14 Jahre: Martin Bochenek war mit seinem Vater eigens aus dem mehr als 200 Kilometer entfernten Hagen angereist, um sich ein Bild von der Effizienz des Krav Maga gemäß Imi-System machen zu können. Martin stammt aus dem Taekwon-Do-Lager und hatte im November 2003 in Münster bei Song Chan Ho ( 8. Dan ) seine Prüfung zum ersten Dan bestanden.

Er ist auch mehrfacher Deutscher Meister und Europa-Cupsieger 2002 und 2004 – sein Onkel Detlev Voss und sein Vater Andreas aber wollten dem jungen Mann trotz aller Begeisterung fürs Taekwon-Do die Möglichkeit bieten, seinen Horizont als Kampfsportler zu erweitern. Daher drückte der Frankfurter KM-Instructor und lokale Organisator Oliver Bechmann ein Auge zu – ansonsten gilt eine Altersgrenze von 18 Jahren fürs KM-Training.

Denn: Krav Maga fehlt jede philosophische oder pädagogische Ausrichtung, wie sie den asiatischen Kampfsportarten oder Kampfkünsten gemeinhin zu eigen ist. Es ist eine pure, darüberhinaus in Technik und Taktik aggressive Selbstverteidigung – und wenn auch die zivile Variante geübt wird, so läßt sich ihre Herkunft aus dem israelischen Militär-Nahkampf nicht unterdrücken.

Unter den mehr als 40 Anwesenden waren auch Vertreter anderer Kampfsport- und Selbstverteidigungssysteme, die sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen wollten, Krav Maga bei einem der Experten weltweit schlechthin kennenzulernen. Sie waren teilweise von Osnabrück, Essen, München angereist. Mit von der Partei auch Anfänger und weniger Erfahrene – und natürlich eine Reihe von Krav Maga-Schülern der Frankfurter Schule.

Eyal Yanilovs Mission seit dem Tode des KM-Begründers Imi Lichtenfelds ist es, unter dem Siegel der International Krav Maga Federation (IKMF), der International School of Krav Maga und seit Herbst 2010 von Krav Maga Global das Erbe seines Lehrers und Freundes Imi anzutreten – und das heißt vor allem, Krav Maga aus seiner rein israelischen Existenz zu lösen und in der Welt zu verbreiten. Das war Lichtenfelds Wunsch.

Yanilovs Seminare dienen aber auch dem Zweck, das Krav Maga Global-System von vielen Nachahmern und Trittbrettfahrern unterscheidbar zu machen. Denn wer in den israelischen Sicherheitsstreitkräften Krav Maga praktiziert hat, ist deswegen noch nicht Experte und Instructor des Systems Krav Maga, das Imi geschaffen und Eyal verfeinert und systematisiert hat.

Und so wird heute auf dem Markt der Möglichkeiten manches unter dem Etikett Krav Maga angeboten, das mit Imis und Eyals Werk wenig zu tun hat – unter anderen Selbstverteidigungstrainer, die mit einer mittleren Graduierung im Krav Maga sich selbständig gemacht haben und als KM-Experten ausgeben.

Daher reist Yanilov seit Jahren nahezu ununterbrochen und hält KM-Lehrgänge in Europa wie in den USA, Australien, China und Japan. Besonders widmet er sich dabei der Ausbildung neuer qualifizierter KM-Instructors – aber eben auch Tagesseminaren, die für jedermann zugänglich sind.

Folglich trat Yanilov an 16. Mai mit Hilfe der deutschen Instructors Sascha Baumeister (Aachen) und Oliver Bechmann (Frankfurt) den Nachweis an, was Krav Maga so einmalig und schlagkräftig macht: Die Seminarteilnehmer wurden mit Hilfe einer Warm-Up-Phase und Übungen für peripheres Sehen und das instinktive Reagieren auf Schlagattacken mit grundsätzlichen KM-Ansätzen bekannt gemacht, beschäftigten sich mit dem Kampf in der Bodenlage und dem gegen mehrere Angreifer und erfuhren so, worin sich die ausschließliche Konzentration des KM auf pure Selbstverteidigung in Denken und Handeln von anderen bekannten Methoden unterscheidet.

Wie man im KM ein Würgen von vorne und eine Messerbedrohung am Hals abwehrt, und wie diesen beiden Gefahren mit Hilfe ähnlicher Technikansätze begegnet, erfuhren die Teilnehmer außerhalb der Halle im Freien. Und lernten so nicht nur, dass das System Krav Maga darauf beruht, ähnliche Lösungsansätze bei verschiedenen Angriffsformen zu verwenden und so die Zahl der zu erlernenden Kombinationen zu minimieren, sondern auch, dass Outdoor-Training im KM eine Selbstverständlichkeit ist. Und dass immer gilt: „Keep it simple and stupid!“ Denn der Ernstfall verzeiht keine gutgemeinten, aber komplizierten Technikfolgen – unter dem Stress einer echten Bedrohung funktioniert nur der einfache Weg.

Ein Frankfurter KM-Schüler: „Ich hätte nicht gedacht – obwohl es mit mehrfach gesagt worden ist – das das Feeling draußen auf abschüssigem Asphaltboden mit Steinchen und so tatsächlich so anders als auf den berechenbaren Judomatten ist!“

Eyal Yanilov garnierte seine Erläuterungen häufig mit Erfahrungsberichten aus der Praxis. Besonderes Gehör fanden natürlich die Schilderungen von körperlichen Auseinandersetzung bei der Terrorismusbekämpfung in Israel – kaum ein anderes Kampfsystem der Welt kann ja auf eine solch dauerhafte Erprobung im härtesten Einsatz verweisen wir Krav Maga. (Siehe auch Reportage: So you may walk in peace)

Zum Abschluss ging es zu einer kämpferischen Sequenz, bei der es vor allem darum ging, Entschlossenheit und Überlebenswillen, Kondition und Ausdauer zu entwickeln, wieder zurück in die Halle. Auch dies ein wichtiger Aspekt des Krav Maga: Entwicklung der mentalen Fähigkeiten bzw. das Zusammenwirken von psychischen und physischen Faktoren bei der Selbstverteidigung.

Nach fünf Stunden intensivens und schweißtreibenden Trainings war dann Feierabend: Jeder erhielt sein Diplom über seine Teilnahme am Seminar persönlich überreicht – und Martin Bochenek hat seins, so hat der Vater später erzählt, neben seine 1. Dan-Taekwon-Do-Urkunde und ein Foto von ihm und Eyal an die Wand gehängt.