Messerstich ins Herz überlebt

Messer-Abwehr Training im Beach Club


In der Selbstverteidigung geht es immer um einen Spagat: Zwischen dem Wunsch ein sorgenfreies Leben zu führen und der Notwendigkeit, seine Umgebung nicht ohne Sorge zu beobachten. Selbstverteidigung fängt immer sehr früh an – bei der Wahrnehmung. Ohne Wahrnehmung keine Selbstverteidigung – und wie wahr diese Aussage ist, davon kann einer unserer Clubmitglieder ein trauriges Lied singen. Das Schöne am traurigen Lied ist: Dass er noch lebt.

Ich lasse ihn an dieser Stelle im Originalton zu Wort kommen:

Ich war während der Mittagspause mit einer Arbeitskollegin spazieren. Fast am Ende, kurz vor dem Gebäude, hat er dann zugestochen.

Ich war so in das Gespräch vertieft, dass ich ihn nicht habe kommen sehen, meine Kollegin auch nicht. Es gab keine Provokation, kein Blickkontakt, gar nichts. Die Polizeit hat ihn kurz darauf geschnappt, in ein paar Monaten ist die Gerichtsverhandlung wegen versuchten Mordes. Er saß wohl schon ein paar Mal in der Psychiatrie, ist nun aber in den normalen Vollzug gekommen.

Das Messer hat das Herz getroffen, war aber zum Glück nicht so lange, dass es tiefer eindrang. Da nur eine kleine Wunde am Herzen, ein Loch, entstand, hatte ich etwas Zeit. Bin dann in der Uniklinik in Mainz zusammengebrochen und wurde wiederbelebt, dann Not-Op. (…)

So lautete die erste kurze Zusammenfassung des Geschehens. Ich fragte nach den Details des Geschehens, und bekam folgende Antwort:

Wir sind auf einem Feldweg unterwegs gewesen. Ich war tatsächlich dermaßen in das Gespräch vertieft, dass ich es nicht habe kommen sehen. Es war ein Angriff aus dem Nichts, da war auch nichts mehr zu machen, was eine Reaktion angeht. Dabei war die Sicht klar, es gab keine Hindernisse oder Gebäude im Weg, die die Sicht beinträchtigt hätten. Ich hatte, glaube ich, in dem Moment in dem es geschah, den Blick auf den Boden gerichtet, weil ich über etwas nachgedacht habe.

Wäre ich allerdings auf die Gegend aufmerksam gewesen, hätte ich es schon kommen sehen können. Ich habe mir hinterher sagen lassen, dass er kurz zuvor schon eine Gruppe bedroht hatte, die vor uns lief, schätzungsweise 100 Meter entfernt. Die waren zu sechst, dort ist er durchgelaufen und hat wohl schon das Messer gezeigt und gedroht.

Danach ist er auf meine Kollegin und mich zugelaufen. Ich weiß nicht, ob er zwischenzeitlich das Messer wieder verborgen hatte. Er kam etwas schräg von links auf mich zu, hat in einem leicht schrägen Winkel eingestochen, ich glaube mit rechts, ohne jede Vorwarnung. Es war aber nur ein leichter Winkel, er stand doch relativ gerade vor mir.

Er sagte, während er zustach, wenn ich mich richtig erinnere, „Soll ich dich abstechen?“ oder „Ich stech dich ab“, aber er hatte den Satz noch nicht einmal fertig ausgesprochen, da steckte das Messer schon in der Brust. Meine Kollegin, die links von mir lief, hat ihn auch nicht kommen sehen.

Meine Kollegin blieb unversehrt. In dem Moment, wo er das Messer wieder rauszog und sie registrierte, was er gemacht hat, ist sie, die eine Hand abwehrend vor den Körper, die andere erschrocken vor den Mund haltend, einen Schritt zurückgewichen. Ich folgte ihm mit dem Blick, weswegen ich ihre Reaktion sehen konnte. Er lief langsam weiter auf dem Feldweg und hatte sich zu mir herumgedreht, sah mir danach aus, als wenn er meine Reaktion abwartete.

Währendessen habe ich darauf geachtet, ob er nun einfach weitergeht, oder eventuell noch auf meine Kollegin losgeht, die vielleicht zwei bis drei Meter von ihm weg stand, aber es war zum Glück schnell klar, dass er weiter gehen würde. Da haben wir beide uns von ihm abgewendet und sind in die andere Richtung zur Gruppe weitergegangen.

Ich war in relativ guter Verfassung, habe zunächst keine Schmerzen gespürt. Die Gruppe, die vor uns gelaufen war, hatte das alles beobachtet und mich gefragt, ob sie die Polizei und den Krankenwagen rufen solle. Letzterer hat mich dann in die Notaufnahme gebracht.

Gewiss spricht das alles für sich und bedarf eigentlich keiner weiteren Kommentierung. Noch mal aber, und immer wieder: Selbstverteidigung beginnt nicht in dem Moment, wo mir jemand am Hals hängt. Oder ein Messer in die Brust sticht. Dann ist es häufig zu spät!

Eine Chance zur Selbstverteidigung ermögliche ich mir, wenn ich aufmerksam im Leben bin. Nicht so sehr, dass es in paranoidem Verhalten endet. Aber doch so viel, dass ich mein Leben genießen und gleichzeitig es weiter führen kann.

P.S.: Die Begebenheit unterstreicht auch, dass Adrenalin und andere Körperstoffe dafür sorgen, dass man nicht unbedingt Schmerzen in einer solchen Situation verspürt und noch ein (kleiner) zeitlicher Spielraum bleibt. Zur Selbstverteidigung zählt auch, immer an seine Chance zu glauben und niemals im Kopf aufzugeben. Nur wer sich aufgibt, ist verloren.