Realitätsbezogene Verteidigung im Bodenkampf

Von Eyal Yanilov (Head Instructor)

Das israelische Nahkampfsystem Krav Maga (KM) konzentriert sich alleine auf Selbstverteidigung – d.h., gewalttätige Konfrontationen, wie sie tatsächlich in der Wirklichkeit vorkommen, zu überleben. Und das zu den Bedingungen, die auf der Straße oder dem Schlachtfeld oder in jeder Situation, die einen zivilen, polizeilichen oder militärischen Hintergrund hat, herrschen.

Daher unterscheidet sich auch die KM-spezifische Selbstverteidigung in der Bodenlage in einer Reihe von Punkten von den Ansätzen des eher sportlichen Bodenkampfes bzw. des zunehmend populär gewordenen Grapplings.

• Es ist grundsätzlich anzunehmen, dass Grappler nicht unbedingt Aufrührer und Straßenschläger sind, da sie in der Regel disziplinierte Menschen sind. Insgesamt ist die Anzahl von Leuten, die gute Bodenkämpfer sind, relativ gering. Daher ist es realistisch, nicht von einem gut ausgebildetem Bodenkämpfer als Angreifer auszugehen, sondern eher von einem normalen Raufbold. Der KM-spezifische Ansatz beschäftigt sich (vor allem im Anfängertraining) mit den Attacken, die auch wirklich häufig vorkommen.

• Kämpfe in der Bodenlage „draußen“ haben keine Regeln. Daher werden im KM in der Bodenlage Techniken genutzt, die auch in harten „No-rules-fights“ verboten sind: Beißen, Fingerstiche in die Augen, das Nutzen von Gegenständen, das Brechen von kleinen Gelenken – der Einsatz aller Möglichkeiten, die ein Körper eben bietet.

• Waffen sind weit verbreitet bei Straßenschlägern – daher muss ein Bodenkampf auch den unvermittelten und zuerst unabsehbaren Einsatz eines Messers o.ä. einkalkulieren.

• Selbst „No-rules-fights“ haben ein Minimum an Regularien und Sicherheitsbestimmungen – und die Kämpfer haben zumindest die Gewissheit, dass es nur gegeneinander geht. Dagegen aber zeigt sich in Statistiken, dass im echten Leben häufig mehrere Angreifer im Spiel sind. Und da verbietet es sich von selbst, einen regelrechten Bodenkampf mit Hebeln und Würgen zu führen.

•Abgesehen davon ist es in Wirklichkeit häufig so, dass der Angreifer steht, während man als Verteidiger auf dem Boden liegt. Daher ist es fast wichtiger, sich mit der Gefahr von oben getreten zu werden, zu beschäftigen, als mit dem reinen Ringkampf in der Bodenlage.

Was wirklich passiert, wenn in der Bodenlage gekämpft wird

Konfrontationen werden am Boden geführt, weil einer der Opponenten den anderen absichtlich zu Fall bringt oder weil beide das Gleichgewicht verlieren und fallen. Egal wie es zur Bodenlage kommt – KM-Schüler werden immer angehalten, mit potenziell mehreren Angreifern zu rechnen oder das Waffen noch gezückt werden können.

Daher sollte man keinesfalls freiwillig zu Boden gehen – und falls man doch in die Bodenlage gerät, sollte man diese so schnell wie möglich wieder verlassen. Allein schon deshalb, weil auf dem Boden die eigene Bewegungsfähigkeit und die Wahrnehmung für die Umgebung eingeschränkt sind.

 

Bild links: Ein rein kampfsportlicher Ansatz im Bodenkampf läßt einen eventuell ins offene Messer laufen – falls dieses mitten im Bodenkampf unerwartet vom Angreifer gezückt wird.

 

Selbstverteidigung in der Bodenlage – präventive Maßnahmen

Als erste Präventivmaßnahme lernt ein KM-Schüler natürlich kontrolliert zu fallen bzw. zu stürzen. Das zweite Maßnahmenset dreht sich darum, den Angreifer davon abzuhalten, einen zu Boden zu bringen: Diese Techniken beinhalten Distanzgewinn, den Angreifer daran zu hindern, zu nahe zu kommen und Gegenattacken. Zu guter Letzt kommt es darauf an, den Angreifer daran zu hindern, einen zu erwischen, während er noch steht, man selbst aber am Boden liegt: etwa die Beine zum Angreifer zu richten, selbst nach dem Angreifer zu treten bzw. ihn durch Tritte zu stoppen und so schnell wie möglich aufzustehen.

Verteidigung gegen einen stehenden Opponenten

KM-Training beschäftigt sich zwingend mit der Verteidigung gegen Tritte und Schläge zum Kopf – und mit der Verteidigung gegen Angriffe mit Schlag- oder Stichwaffen von oben herab.

Beispiel: Man ist in der Bodenlage und der Angreifer tritt nach dem Kopf. Wir blockieren den Tritt mit einer Unterarmabwehr und drehen dabei gleichzeitig den Oberkörper aus der Trittrichtung. Sofort danach kontern wir mit Tritten zu Knien und Unterleib des Angreifers. Dann wird sofort aufgestanden – unter Berücksichtigung der Eigensicherung selbstverständlich.

Grundsätzliche Verteidigungen und Befreiungen, wenn Angreifer und Verteidiger in der Bodenlage sind

KM-Übende lernen auch, sich eines Angreifers zu erwehren, der ebenfalls in der Bodenlage ist. Also auf einem oder zwischen den Beinen sitzend bzw. von der Seite würgt, greift, einen Schwitzkasten ansetzt oder auch zu Kopf und Körper schlägt. Die Möglichkeiten, die Krav Maga gegen diese Angriffe bietet, basieren auf den gleichen Techniken, Prinzipien und Drills, die gegen Angriffe im Stand eingesetzt werden. Diese werden um die speziellen Anforderungen des Bewegens am Boden ergänzt. Darüberhinaus gibt es spezielle Techniken und Lösungen für Probleme in der Bodenlage. Im Krav Maga wird konsequent danach gestrebt, die Anzahl der verschiedenen Techniken zu minimieren, um den Trainingseffekt zu erhöhen. Weniger ist auch hier mehr.

Beispiel: Beim Würgen vom vorne reißt man im KM mit einer schnellen Bewegung die Hände des Angreifers vom Hals, während man gleichzeitig das Knie in den Unterleib des Gegners rammt. Am Boden, wenn der Angreifer zwischen den eigenen Beinen kniet, werden die gleichen Prinzipien und Techniken leicht modifiziert angewandt. Die Hände gehen zur Befreiungstechnik zum eigenen Hals und das Knie wird zur Brust des Angreifers gestoßen – dies natürlich in diesem Zusammenhang vor allem, um den Angreifer zurückzustoßen und den Abstand für den Einsatz der eigenen Füße zum Kopf des Angreifers zu erreichen.

Verteidigung gegen eine Bedrohung mit einer Waffe in der Bodenlage

Während eines Kampfes am Boden besteht die Möglichkeit, dass ein Angreifer eine Waffe nutzt – weil er sie dabei hatte oder weil er ein wie auch immer geartetes Objekt ergreift und einsetzt. Realitätsbezogenes Selbstverteidigungstraining muss immer damit rechnen. Im Krav Maga werden auch hier die Prinzipien aus der Verteidigung gegen Waffen im Stand auf die Situation am Boden übertragen. Daher beinhaltet das KM-Training den Umgang mit Messern, zerbrochenen Flaschen oder ähnlich scharfen Gegenständen bzw. Schlagstöcken, Eisenstangen und Ähnlichem – egal, ob diese direkt eingesetzt oder nur bedrohlich gehalten werden.

Ein grundlegendes Prinzip des Krav Maga ist, verschiedene Angriffsprobleme und -szenarien mit der gleichen oder einer sehr ähnlichen Lösung anzugehen. Damit reduzieren wir zum einen die Zeit, die ein Schüler braucht fürs Training. Zum anderen aber, und das ist noch wichtiger, reduzieren wir die entscheidende Phase der Entscheidungsfindung in einer hochkomplexen, hochgradig nervösen Straßen-Situation.

Beispiel: Ein Rechtshänder als Angreifer packt einen mit der linken Hand an der Schulter und hält das Messer an die linke Seite des Halses. Die KM-Basistechnik dagegen kann dabei mit verschiedenen Varianten dieser Situation fertigwerden – und nicht nur mit dieser: Zusätzlich ist durchaus möglich, den beinahe gleichen Ansatz gegen Bedrohungen mit einer Schusswaffe oder anderen Waffen zu praktizieren.

Im vorliegenden Fall – also im Stand – stößt der Verteidiger mit einer schnellen Bewegung das Messer vom Hals, während gleichzeitig er den eigenen Körper in die dem Messer entgegengesetzte Richtung wegdreht. Übergangslos und ohne Zeitverzug attackiert der Verteidiger dann den Angreifer.

Hält der Angreifer einem ein Messer in der gleichen Weise an den Hals, während er in der Bodenlage auf einem sitzt, dann greifen wir mit beiden Händen nach dem Gelenk der messerführenden Hand, ziehen diese zur Seite und werfen den Angreifer in die gleiche Richtung mit Hilfe einer Brücke, wie sie die Ringer praktizieren und rollen auf den Angreifer bei gleichzeitigen Gegenattacken.

 

Bild links: Den Messerarm mit beiden Händen packen und den Angreifer durch Zug und Druck abwerfen.

 

Kampf in der Bodenlage

Im Krav Maga wird immer zwischen bloßer Selbstverteidigung gegen einen Übergriff und einem richtigen Kampf, d.h. einer Auseinandersetzung, die im vollen Gange zwischen zwei oder mehr Gegnern ist, unterschieden. Das gilt auch für die Bodenlage. Hier werden zwei verschiedene Aspekte wahrgenommen: Einerseits ein Ansatz von „Spielen und Drills“, der dem Grappling durchaus nahekommt – hierbei kämpfen die Übenden am Boden mit Griffen und Schlägen in einer Art Sparring. Andererseits ein mehr straßenorientierter Ansatz, bei der man jede Gefahr neutralisiert, bevor man aufsteht sobald man kann. In beiden Fällen enthält das Training Schläge und Stöße mit Händen, Füßen, Ellbogen, Knien. Dazu kommen Kopfstöße, Beißen und dem Kontrahenten ins Ohr schreien. Ebenfalls werden mit Griffen, Würgen und Hebeln empfindliche Stellen wie Unterleib, Augen, Hals und Gelenke attackiert.

Beim Bodenkampf kann man auch häufig Dinge einsetzen, die man mit einer Hand erreichen kann: Steine, Glassplitter, Sand. KM-Trainierende üben den Einsatz solcher Hilfsmittel – und natürlich auch, wie man den Gegner hindert, das Gleiche zu tun.

Über den Autor: Eyal Yanilov, früherer Head Instructor der International Krav-Maga Federation (IKMF) und nunmehr von Krav Maga Global. Eyal war mehr als 15 Jahre der engste Schüler und Mitarbeiter von Imi Lichtenfeld, dem Begründer des Krav Maga. Er schrieb die offiziellen KM-Handbücher und trägt die höchste KM-Graduierung. Mehr als 20 Jahre hat er KM-Instructors, sowie Militär- und Polizeieinheiten auf der ganzen Welt ausgebildet und trainiert.

© Eyal Yanilov