Selbstverteidigung bei Fernreisen mit Fahrzeugen

Fernreisen

KM-Instructorin Beate Bechmann vor Unimog-Expeditionsmobil

Ein Fernreisemobiltreffen ist eine Versammlung friedlicher Menschen, die sich dafür interessieren, Land und Leute rund um den Globus kennenzulernen. Das funktioniert in der Regel sehr gut, denn Globetrotter machen überwiegend die Erfahrung, dass die Welt ein viel besserer Ort ist als sie im Fernsehen dargestellt wird. Regierungen und Machtgruppen mögen sich anfeinden – für die normalen Menschen gilt das meist nicht. Letztere sind auf allen Kontinenten oft begeistert, wenn jemand sich für ihr Land, ihr Leben und sie interessiert.

So verfügt etwa der Iran ungeachtet des Mullah-Regimes und dessen wüster Drohungen gegen Israel, die USA und den Westen über die freundlichsten und hilfsbereitesten Menschen der ganzen Welt – solche und ähnliche Aussagen haben wir am vergangenen Wochenende erst wieder auf „Willy’s Fernreisemobiltreffen“ in Enkirch an der Mosel, dem größten Stelldichein dieser Art in ganz Deutschland, gehört. Dort hielten wir einen Workshop zur Selbstverteidigung für Reisende, dessen Inhalte ich kurz darlegen will.

Waffen verschlimmern die Situation

Selbstverständlich gilt, dass erst alle Mittel und Möglichkeiten der Kommunikation und Deeskalation ausgeschöpft sein müssen, bevor man zur physischen Selbstverteidigung greift – gleichwohl eine unmittelbar gegebene ernsthafte Bedrohung bzw. Gefährdung von Leib und Leben. Dies gilt immer und überall; aber in fernen Regionen umso mehr, als eine Überreaktion dazu führen kann, sich im Knast eines Landes für längere Zeit aufzuhalten, dessen Gefängnis-Standards mit denen der Bundesrepublik Deutschland nicht zu vergleichen sind.

Gleichermaßen ist das Mitführen von Waffen oder waffenartigen Gegenständen zu sehen – wer dem Aggressor mit Waffen schwere oder tödliche Verletzungen zufügt, hat seine Situation in der Folge dramatisch verschlechtert. Und das eigentliche Ziel der Selbstverteidigung sollte sein, den geringstmöglichen notwendigen Schaden zu verursachen und den Weg zurück zur Kommunikation und zur gütlichen Einigung eines Konfliktes wieder zu öffnen.

Fernreisen

Austausch von Erfahrungen und Erlebnissen

Wir selbst haben einen sich hochschaukelnden Aufruhr erlebt, bloß weil einer der Lkws unseres Konvois in einer engen Straße einem parkenden Fahrzeug einen Außenspiegel demoliert hatte – letztlich konnte die Aufregung mit einer Geldzahlung gelegt werden. Entweichen wäre nicht möglich gewesen – unser kleiner Fahrzeugkonvoi war vorne und hinten eingeklemmt, und es liefen immer mehr Ortsansässige zusammen…

Waffen oder waffenartige Gegenstände schaffen auch leicht Probleme bei Grenz- oder anderen Polizei- oder Militärkontrollen, die in manchen Ländern Afrikas oder Asiens an der Tagesordnung sind. An Bord eines geländegängigen Fernreisemobils (mit dem man gerne frei campiert) befinden sich aber eine Reihe von Gegenständen, deren Zweckbestimmung mit dem Fahrzeug oder dem Reisen zu tun hat und die selten Misstrauen erregen – und die sehr gut als defensive Hilfsmittel eingesetzt werden können: große Taschenlampen, Rad-Montiereisen, Brechstangen, Teleskop- oder hölzerne Wanderstöcke, Regenschirme, abschraubbare Tischbeine, einbeinige Foto-Stative, Flaggenstöcke, ganz zu schweigen von Äxten, Beilen oder Macheten (deren Einsatz aber unter das zuvor geschilderte Problem „Waffen“ fällt – besser Finger davon lassen oder nur im äußersten Notfall benutzen!).

Alltagsgegenstände sind Trumpf

Im Krav Maga sprechen wir von solcherlei Gegenständen als „common objects“, also Alltagsgegenständen, und der Umgang damit ist fester Bestandteil des üblichen Trainings. Dabei gehen wir immer davon aus, dass es besser ist, einen solchen Gegenstand zwischen sich und den Angreifer zu bringen, als eigene verletzliche Körperteile wie Arme und Beine. Und dass das wichtigste Mittel in einer Selbstverteidigung schlicht und einfach Distanz, sprich: Abstand, ist.

Es ist Teil der üblichen Übergriffs-Logik, dass der (oder die) Angreifer ein Opfer sucht, keinen Gegner. Für den Verteidiger gilt also, dass er im Kopf des Angreifers den Eindruck entstehen lassen muss, dass er sich getäuscht hat und kein Opfer vor sich hat, sondern einen Gegner: Die eigentliche Selbstverteidigung spielt sich auf mentaler, psychischer Ebene ab, nicht auf physischer.

Auf Fernreisen: Abstand ist alles

Daher reicht eine Art notwendiger Minimalismus – soviel, dass der Gegner von seinem Vorhaben ablässt und sich zurückzieht; dass Zeit gewonnen wird, dass Dritte sich einmischen und helfen, dass sich für uns selbst die Chance öffnet, abzuhauen, sich ins Fahrzeug zurückziehen (ein Laster ist ja schließlich so etwas wie eine „Festung“) und wegzufahren etc.

Dazu liegt es auf der Hand, dass der Angreifer umso gefährlicher wird, je näher er mir rückt. Mit einem stockähnlichen Gegenstand kann man meist gut drohen bzw. „imponieren“, gut Angriffe blockieren und nötigenfalls zur Gegenattacke übergehen – aber vor allem durch schnelle, wiederholte Stockstiche zur Hals-Kopfregion Abstand schaffen. Besonders im Falle von Messerangriffen gilt: 1. Distanz, 2. Distanz, 3. Distanz!

Auf Fernreisen: Kein Messer!

Auch raten wir dringend davon ab, selbst Messer zur Verteidigung mit sich zu führen bzw. an den Einsatz auch nur eines Küchenmessers in der Selbstverteidigung zu denken. Die Zwangslogik des Messerkampfes besagt schlicht und einfach: In der kaum zu vermeidenden Eskalation werden beide Akteure mindestens schwer verletzt. Wohl aber habe ich eine Chance, wenn ich mit Hilfe eines stockartigen Gegenstandes den Angreifer auf Distanz halten kann.

Es hilft, nach Art eines mentalen Films im „Kopfkino“ mögliche bzw. erwartbare Konfliktsituationen ganz konkret durchzuspielen: Wenn der Angreifer dieses oder jenes sagt oder macht, wie werde ich reagieren? Wenn dieses oder jenes passiert, was werde ich machen? Diese Reaktion immer wieder geistig ablaufen lassen und so in die unterbewussten Teile des Gehirns einprogrammieren, erhöht die Erfolgschancen beträchtlich.

willyaufkleber

Das wichtigste Mittel in der Selbstverteidigung ist freilich die Wahrnehmung – ohne Wahrnehmung, Wachheit, Aufmerksamkeit auf das Geschehen um einen herum gibt es keine Selbstverteidigung. Das zweitwichtigste Mittel ist das Vertrauen auf das Bauchgefühl („Intuition“) – evolutionsbiologisch gesehen verfügen wir noch über ein paar archaische Rest-Instinkte für Gefahr und Problemsituationen. Also wenn die innere Stimme flüstert, dass es Zeit wäre, zu gehen, dass es besser wäre, den Standplatz zu wechseln – dann auf sie hören!

Das drittwichtigste Mittel ist Zurückhaltung, defensives Verhalten, niedriges Ego. Man überlege: Wer sich vom Angreifer in dessen taktisches Spiel der Anmache und Provokation hineinziehen lässt, gibt die Kontrolle der Situation in die Hände des Aneigreifers – und ist das letztlich nicht demütigender als zurückzuweichen und Beleidigungen, Anspucken o.ä. ohne Gegenreaktion zu ertragen?