Selbstverteidigung ist eine Haltung

Krav Maga-Instructorin Beate Bechmann beim Training

Die Nachfrage nach Selbstverteidigungskursen war nach der Kölner Silvesternacht 2016 groß. Die speziellen Angebote für Frauen waren rasend schnell übervoll oder überbucht. Nicht nur bei uns, auch bei anderen.

Damals zeichnete sich früh ab, dass für viele Frauen ein solcher Kurs eine reine Alibi-Funktion hat – so traurig diese Erkenntnis auch sein mag: Nur schnell irgend etwas tun, damit das Gewissen oder ein vages (Un-)Sicherheitsgefühl (oder das der Eltern oder des Freundes) beruhigt wird. Anderthalb Jahre später ist alles wieder ruhig (man darf vermuten: bis zum nächsten Knall).

Selbst-Verteidigung

Und obwohl vielen Menschen das Phänomen des Erste-Hilfe-Kurses bekannt ist (lange her, erinnern kann man sich kaum noch; müsste man öfter machen und häufiger wiederholen, damit das im Notfalle klappt), so gehen sie doch mit der gleichen Einstellung an einen Selbstverteidigungskurs heran.

Freilich: Selbstverteidigung ist nicht in einem Kurs erlernbar. Bei unserem Krav Maga-Training bei Deutschlands größtem Stelldichein für Globetrotter, Weltenbummler und Fernreisende (siehe Beitrag: Krav Maga-Workshop beim Fernreisemobiltreffen) lernten wir einen Norweger kennen, der Krav Maga vom Hörensagen kannte („I’ve been in the military“) und sofort meinte: „Self Defense is a mental attitude.“ Oder auch: eine Haltung.

Selbst-Verteidigung ist eine Haltung

Eine Haltung gegenüber mir selbst und meinem Leben. Eine Haltung, wie ich mit mir und meinem Leben umgehe, wie ich mit ihm umgehen will und wie ich möchte, dass andere damit umgehen. Eine Haltung, die mit dem Wunsch nach Selbst-Bestimmung über mich und mein Leben einhergeht, und eine Haltung, die weiß, dass ich für Selbst-Entwicklung, Sicherheit und Selbst-Sicherheit einen Preis zu bezahlen habe.  

Selbst-Verteidigung beinhaltet das Wissen um Entscheidungen und Konsequenzen dem eigenen Leben gegenüber; beinhaltet das, was man Selbst-Bestimmung nennt: Darüber selbst zu bestimmen, was mit einem bzw. seinem Leben geschieht. Darüber ein klares Bewusstsein zu entwickeln und entsprechende Schritte zu gehen, auch wenn sie schwer fallen und etwas kosten.

KM-Instructorin Beate Bechmann

KM-Instructorin Beate Bechmann weist das Angreifer-Team ein

Das betrifft die Entwicklung der eigenen physischen und psychischen Fähigkeiten und Fertigkeiten; Mittel, die dabei eine Rolle spielen, können Sport & Fitness, Krav Maga, Meditation und bevorzugte Ernährungsweisen sein. Der menschliche Körper, der Geist und Seele beinhaltet, lässt sich vor allem mit solcherlei Mitteln und Methoden beeinflussen – d.h. verändern zu einem Wunsch-Ziele hin.

Damit nehme ich mich und mein Schicksal in die Hand, so weit ich dieses beeinflussen kann.  Ich definiere, wer ich bin und wer ich sein will, und welche Schritte es auf dem Weg vom einen zum anderen braucht. Dieser Weg lässt sich kaum auf einer Couch begehen. Eher sieht das so aus:

https://youtu.be/u4g3g2gVAwo

Mit Händen und Füßen schlagend und tretend zu agieren, Abwehrtechniken u.ä. zu können – das steht am Ende einer Leiter, auf deren ersten Stufen die innere Haltung zu finden ist. Man könnte sagen: Die Selbst-Verteidigung mit Hilfe von Händen und Füßen ist das „Frontend“ (das, was man vorne raus wahrnehmen kann), während die innere Haltung das „Backoffice“ (das, was hinten drin die Rolle spielt und bestimmt, was vorne passiert) darstellt.

Ohne das Backoffice kann das Frontend nicht existieren.

Selbst-Verteidigung: Kein Wachstum in der Komfortzone

Und jeder Coach weiß und betet seinen Klienten vor: Wachstum findet nicht in der Komfortzone statt. Freilich: Viele “Klienten” hätten alles gerne und bequem und gleich und ohne Mühen. Sie meinen, etwas erreichen zu können, ohne sich anstrengen zu müssen. Ohne sich plagen zu müssen. Dass es nicht weh-tun darf.

Hierzulande scheint es nur noch um Komfort zu gehen. Und dass alles einem in die Komfort-Zone hineingetragen wird, am besten auf dem Silbertablett.

Beate Bechmann im Interview der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

Selbst-Verteidigung aber bedeutet die Verteidigung des Selbst, im Falle des intensivsten Angriffes auf die Integrität von Körper, Seele und Geist. Des vielleicht härtesten “Impacts” auf das eigene Selbst. Selbst-Verteidigung bedeutet, diesen Angriff nicht zuzulassen bzw. ihn mit allen Mitteln und allen Konsequenzen abzuwehren.

Traurig: Viele Teilnehmerinnen sind Opfer – und nicht wenige werden es leider bleiben. Sie sind nicht bereit, zu akzeptieren, dass Selbst-Verteidigung etwas kostet. Dass man wie frau etwas investieren muss – gegebenenfalls Blut, Schweiß und Tränen, wie Winston Churchill es einst so trefflich zu formulieren wusste (“Blut, Schweiß und Tränen”-Rede).

Geringe Schmerz- und Frustrationstoleranz

Viele Teilnehmerinnen in SV-Kursen meinen, dass es reiche, eine bestimmte Technik zweimal zu wiederholen. Und stehen danach in der Trainingshalle rum. Viele Teilnehmerinnen in SV-Kursen meinen, dass ihren grell lackierten, manchmal verlängerten Fingernägeln keinesfalls knicken dürfen und ihrer Frisur kein Haar gekrümmt werden dürfe.

Manche haben eine erschreckend niedrige Schmerztoleranz (“Mein Handgelenk wird schon rot”) angesichts ihres Wunsches, sich gegen einen gewalttätigen Übergriff verteidigen zu lernen. Manche zahlen die spürbare Teilnehmergebühr und tauchen nicht auf und geben auch keinerlei Rückmeldung ob ihrer Abwesenheit.

Grenzen ausweiten, Grenzen setzen

Warum wir dann überhaupt solche Kurse veranstalten? Weil gleichwohl viele Teilnehmerinnen den zugespielten Ball aufnehmen und hart an sich arbeiten und diese Arbeit auch nach dem Kurs fortsetzen. Weil es viel mehr positives Feedback als Mecker-Mails gibt.

Und weil die Erfahrung uns lehrt, wie viel Veränderung sowohl im Physischen als auch im Psychischen möglich ist, wenn es jemand wirklich will. Hinfallen und Aufstehen gehört dazu, ebenso wie das Verlassen der Komfortzone in einem von uns bereit gestellten geschützten Raum – um dann auch im Alltag die Grenzen auszuweiten und Grenzpfähle zu setzen: Bis hierhin und nicht weiter!

Verlassen der Opferrolle = Verlassen der Komfortzone

Also: Wir versuchen aus jungen und älteren Frauen Menschen zu machen, die ihren Wert kennen und für sich einstehen und damit aktiv die Opferrolle verlassen. Wir vermitteln, was zur Verteidigung der eigenen Integrität notwendig ist – aber annehmen und umsetzen muss frau es selbst.

Deswegen heißt es Selbst-Verteidigung.