„So you may walk in peace“

Die israelische Selbstverteidigung Krav Maga wurde fürs Militär entwickelt – und bleibt auch in ihrer zivilen Variante eng mit der Armee verknüpft

„Push-Ups!“ Also runter, auf den blauen Weichboden, Rumpf gestreckt, Arme angewinkelt: „Achat, schatjim, schalosch…“ Eins, zwei, drei Liegestütze … mittendrin ein Schatten von links, der zum Tritt ausholt: Deckung hoch, gerade rechtzeitig noch, ein Schlag knallt gegen den Arm. Jetzt aufspringen, Deckung weiter hoch, mit der Rechten eine Gerade zum Hals des Gegners, gleichzeitig ein Tritt zwischen seine Beine: Vorwärtsdruck entwickeln! Noch ein Kick vor die Brust. Eine Kombination von Gerade und Haken – abgestoppt – zum Kopf. Kniestoß mit aller Kraft gegen das rote Schutzpolster vorm Unterleib des Angreifers: Lars, ein kräftiger, untersetzter Schwede, knallt mit dem Rücken gegen die Wand. „Good!“ schreit der israelische Nahkampf-Instruktor, und: „Again!“

Schweiß rinnt die Stirn herab, die Lunge saugt Luft. Die Kontrahenten trennen sich, das Ganze von vorne. Lars im schwarzen Krav Maga-T-Shirt fängt an Liegestütze zu pumpen, sein Partner ist angewiesen, ihn währenddessen unvermittelt zu attackieren. Von vorne, von der Seite, von hinten. Mit Schlägen oder Tritten. „Think Krav Maga!“ hat Gabi, der Instruktor, immer wieder gesagt, und das soll heißen: Sei immer bereit, in jeder Moment, in jeder Situation. Erwarte das Unerwartete. Tue das Unerwartete. Zögere nicht, sei aggressiv, wenn Du angegriffen wirst. Verlasse dich auf niemanden. Kämpfe bis zum Schluss.

Allerdings gilt ebenso: Tue das Naheliegende, nicht unbedingt das „Heldische“. Als Nezmi, ein junger Mann aus Istanbul, mit einem (Übungs-) Messer attackiert wird, gelingt es ihm, dem Angreifer die Waffe aus der Hand zu schlagen. Das Messer fällt auf den Boden. Der Angreifer bückt sich danach – und der danebenstehende Daniel kickt es intuitiv außer Reichweite. „Good!“, sagt Gabi, dessen Kenntnisse des Englischen sich auf wenige Worte beschränken. „Think Krav Maga“: Hätte Daniel sich wie Rambo auf den Angreifer gestürzt, um Nezmi zu helfen, wäre er vermutlich mit dem Angreifer in ein Gerangel geraten. Folge: Er hätte die Umgebung nicht mehr beobachten können – und sich selbst gefährdet. Und damit auch Nezmi.

In der israelischen Selbstverteidigungsmethode Krav Maga wird das Üben in realistischen Szenarien sehr ernst genommen. Sich der Alltäglichkeit im Training zu nähern, so weit wie es geht, heißt für die europäischen Teilnehmer eines Trainingsseminars Anfang Januar in Israel: Üben nicht in einer Vereins-Sporthalle mit Turnvater-Jahn-Muff, im gelackten Fitnessstudio oder im edlen Zen-Ambiente eines traditionell japanisch gestylten Dojos, sondern im echten Leben. In heruntergekommenen Hinterhofclubs, auf abgenutzten Dielenböden, an aufgeplatzten und notdürftig geflickten Sandsäcken. Auf der Straße, in Parks, am Strand. Stockabwehr verschwitzt bei Sonnenschein, Pistolenabwehr durchnäßt im Regen. Nicht in weißen Anzügen mit Gürteln, sondern in Jogginghosen und Shirts, besser noch in Alltagsklamotten. Krav Maga, zu deutsch „Kontaktkampf“, ist kein Sport, kennt keinen Wettkampf, vermittelt keine Kultur und will weder Körperkunst noch Persönlichkeitsentwicklung sein.

Im Krav Maga – Verkehrssprache für die des Hebräischen Unkundigen ist Englisch – lautet die Losung: no nonsense-stuff. Das gilt besonders für die eingesetzten Techniken. Keine akrobatischen Sprünge und Drehungen, keine eleganten Bewegungen, die manch asiatische Kampfsportart so spektakulär machen. Tritte und Schläge stehen im Vordergrund. Einfach, unkompliziert, für jeden schnell zu erlernen: Diese Selbstverteidigung ist für und in der israelischen Armee entwickelt worden mit dem Ziel, sowohl unerfahrenen Rekruten in kurzer Zeit ein akzeptables Niveau im Nahkampf zu verschaffen als auch Special Forces-Soldaten zu schulen. Und wurde daher auch in der Ausbildung von Leibwächtern in aller Welt beliebt: Im Gegensatz zu den bekannteren Methoden des waffenlosen Kampfes ist Krav Maga durch die bittere Realität der israelischen Kriege und Konflikte gegangen.

Als wir zu uns zu einem Training mit einer Fallschirmjäger-Sondereinheit am Strand des Badeortes Netanya treffen, sind wir überrascht, wie schmal und klein die meisten der rund zwei Dutzend Elite-Soldaten in blauen Sport-Shorts und weißen T-Shirts sind. Das läge an ihrer speziellen Aufgabenstellung, wird uns angedeutet. Kämpfen mit ihnen – ja, aber keine Fotos von den sehr jungen Rekruten, lautet die Anweisung der drei Unteroffiziere in olivgrünem Drillich mit lässig auf dem Rücken hängenden M-16-Schnellfeuergewehren. Dann: Zwei der Paratroopers zusammen mit einem ausländischen KM-Studenten in eine Gruppe. Zwei gegen einen, die beiden Angreifer mit Messern bewaffnet. Jetzt gilt’s: Immer in Bewegung bleiben, kein Ziel bieten, sich nicht zu lange mit einem aufhalten. Der zweite wartet ja nicht geduldig – wie in Hollywood-Filmen -, bis man mit dem ersten fertig ist. Und er greift auch nicht kontrolliert und berechenbar an wie in den teilweise hochgradig stilisierten Methoden asiatischer Herkunft.

Was hat der Instruktor gesagt? Am besten so laufen, dass sie sich gegenseitig im Weg stehen. Also auf die linke Außenseite der beiden nebeneinander Stehenden. Schnell an den vorderen heran, Messerblockade, gleichzeitiger Stoß zum Kehlkopf, Kick zum Unterleib, weiter. Schnittverletzungen ignorieren. Nicht am ersten hängen bleiben, sondern erst Distanz gewinnen. Dann ran an den anderen. Schnelle Attacke, weiter – Angreifer Nummer 1 ist wieder da. Sand spritzt beim Treten hoch, Keuchen, die Beine werden schwer, immer wieder: Schnell ran, schnelle Attacke, schnell weg. An und für sich gilt: Hit and run. Jetzt natürlich: nächster Angriff.

Als eine Rotte Apache-Kampfhubschrauber niedrig in Richtung Norden den Strand entlang fliegt, summt einer der Europäer Wagners „Walkürenritt“. Ein Hauch von „Apocalypse Now“ liegt in der Luft. Abmarsch. Trainingsausrüstung – Messer, Schienbeinschoner, Tiefschutz, Boxhandschuhe – packen, im Laufschritt los – das gilt für die israelischen Soldaten wie die Zivilisten aus Europa. Für die einen in Richtung Hotel, für die anderen in Richtung Kaserne.

Die enge Verbindung des Krav Maga mit den Israel Defense Forces existiert seit der Zeit des Unabhängigkeitskrieges. 1910 wird Imi Lichtenfeld in Budapest geboren und wächst in Bratislava auf. Sein Vater ist Zirkusakrobat und Ringer; auch der junge Imi widmet sich erfolgreich dem Boxen, Ringen und Gewichtheben. Doch die antisemitischen Übergriffe in seiner Heimatstadt beenden seine sportliche Karriere und er baut eine Truppe zum Schutz des jüdischen Viertels auf. Unzählige Schlägereien bringen ihm reichhaltige Erfahrung – und die Erkenntnis, dass sportliche Kampf-Methoden ungeeignet für Straßenkämpfe sind.

1940 flüchtet Lichtenfeld auf einem der letzten Schiffe, die dem Nazi-Zugriff entkommen, in Richtung Palästina. Dort kommt er erst zwei Jahre später an – er kämpft zwischenzeitlich für die britische Armee im Nahen Osten. Ab 1944 beginnt Lichtenfeld, der seinen Namen in Sde-Or hebräisiert, die jüdischen Untergrundtruppen der Haganah und Palmach im Nahkampf zu trainieren. 1948 wird er Chefinstruktor der israelischen Armee und bleibt dies 20 Jahre lang. Danach widmet er sich der Anpassung des Krav Maga an zivile Erfordernisse unter dem Motto „so you may walk in peace“ – ein Schriftzug, der die offiziellen schwarzen Instruktoren-Shirts ziert. Doch dass man in Frieden gelassen wird, daran glaubt Lichtenfeld nicht wirklich, und stellt seinem Buch über Krav Maga einen alten lateinischen Spruch voran: Si vis pacem para bellum – wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor.

Vor fünf Jahren starb Lichtenfeld. Zum Gedenktag fuhr die Trainingsgruppe nach Wingate nahe Tel Aviv – dort trainieren die israelischen Hochleistungssportler, auch das Militär. Drei Stunden Leichtkontaktkämpfe, Waffenabwehr, Zwei-gegen-Einen; zusammen mit KM-Instruktoren aus ganz Israel. Duschen, dann rüber in einen Militär-Schulungssaal. Zeitzeugen erzählen von Imi, dem „warrior and gentleman“, wie sie ihn übereinstimmend charakterisieren. Später Vorführungen: Rekruten mit Basistechniken, danach eine Festnahme-Demonstration durch Soldaten der Spezialeinheit Duvdevan – die gewöhnlich verdeckt im Gaza-Streifen und in der Westbank operieren. Wo sie allerdings nicht nur für Verhaftungen verantwortlich sind, sondern auch für Liquidierungen.

„Durch euch wird Imis Traum wahr,“ sagt ein Zeitgenosse Imis und heutiger Universitätsprofessor den ausländischen KM-Schülern und -Instruktoren – Krav Maga sollte sich ins zivile Leben und in die ganze Welt verbreiten. Und tatsächlich nehmen an dem anderthalbwöchigen Trainingsseminar in Israel sechs Schweden, zwei Finnen, zwei Engländer, ein Amerikaner, ein Türke und ein Deutscher teil. Darunter nur eine Frau, die rothaarige und sommersprossige Jenny aus Stockholm, klein, kräftig: Sie liebt Fallschirmspringen und schnelle Autos, teilt ihre Wohnung mit ein paar Schlangen und hat ihre drei Monate beim schwedischen Militär genossen. Für den früheren Hooligan und heutigen Sozialarbeiter Johan haben neun Monate bei den schwedischen Special Forces eine Kehrtwendung im Leben bedeutet: „Die Armee hat mir die Führung gegeben, die mir vorher gefehlt hat.“ Im Alltag lebt er nun mit drogenabhängigen Jugendlichen in einer Wohngemeinschaft.

Ein 40-jähriger Bodyguard einer Hamburger Industriellen-Familie, der früher bei einer US-Behörde gearbeitet hat, ist mit von der Partie. Nezmi, der junge Istanbuler, hat in San Diego studiert und gelegentlich mit den in der Nähe stationierten US-Spezialeinheiten der Navy Sealstrainiert. Der Finne Jari arbeitet „beim Militär“, wie er selber sagt, sein bulliger Landsmann Jussi bei der Feuerwehr. Andere sind im Zivilberuf Programmierer in Göteborg, liefern Zeitungen aus, leiten ein Fitnessstudio in London, und der vierschrötige, korpulente Kenneth aus Schweden besitzt einen Fischhandel. Kurze bis sehr kurze Haare überwiegen. Die meisten lockt die Kombination aus intensivem Training und Ausflügen nach Tel Aviv, Jerusalem – mit einem Besuch des Holocaust-Mahnmals Yad Vashem -, dem Toten Meer und der römischen Bergfestung Masada. Sechs Teilnehmer streben zum Ende des Seminars die nächsthöhere Graduierung an, und einer will sich auf seine bevorstehende Instruktoren-Ausbildung vorbereiten. Alle wollen die speziellen israelischen Trainingsmöglichkeiten im Umgang mit Schusswaffen nutzen.

Die meisten sind aufgrund ihrer Militärzeit – im Gegensatz zum Kriegsdienstverweigerer aus Deutschland – erfahren im Umgang mit Schusswaffen. Doch in Europa ist das weitere Üben aufgrund der restriktiven Waffengesetze kaum möglich. Im Krav Maga nimmt die Abwehr von bewaffneten Angriffen großen Raum ein. Und um eine Waffe abwehren zu können, muss man ihre Wesensart und den Ernst der Bedrohung aufgrund eigener Erfahrung kennen: Schwer liegt die Pistole in der Hand, fest muss der Griff sein – und enorm ist der Anspruch an die Konzentration: Einmal gespannt, ist der Gegenstand ein tödliches Gerät, das keine nervösen Fehlhandlungen verzeiht. Bloß nicht mit der Waffe in der Hand zum Nebenmann herumschwenken! Finger krümmen, eruptive Entladung und Rückstoß sind eins…

Während der ersten Session in einem Schießkeller in Netanya verballern wir, was der Ausbilder uns an 9mm-Munition in die Hand drückt. Israelisches Schießen: Das heißt, die Pistole so schnell wie möglich hoch zur Brust ziehen, mit der anderen Hand den Schlitten fassen, den Waffenarm nach vorne stoßen und die Pistole währenddessen durchladen und sofort ohne genaues Zielen mehrere Schüsse schnell hintereinander in Richtung Körpermitte des Angreifers abfeuern. Bei ausgestreckten Armen die Waffe immer mit den Augen mitwandern lassen, so als würde man mit dem Zeigefinger auf ein Ziel deuten – keine Verzögerung, falls ein neues Zielobjekt ins Blickfeld gerät. Später folgen noch systematische Unterweisung und Drill auf einer Shooting-Range im Freien in Caesarea. Da sind die Hände schon nicht mehr so feucht wie beim ersten Mal, auch nicht, als wir von derGlock-Pistole zur Uzi-Maschinenpistole wechseln.

Anderthalb Trainingswochen in Netanya, halb Training, halb Touring, im nüchternen Trainings-Gym wie an historischen Stätten: „Jedem, dem wir erzählen, dass wir einen Haufen Geld ausgeben, um in Israel zu lernen, wie man ein schräg von hinten aufgesetztes Schnellfeuergewehr abwehrt, muss uns doch für völlig bekloppt halten“, meint Jussi, der Finne. In ihre überwiegend beschaulichen Heimatländer nehmen die Teilnehmer jedoch einen markanten Eindruck der wesentlich gefährlicheren israelischen Alltagsrealität mit: Als Anfang Januar sich am alten Busbahnhof in Tel Aviv zwei Selbstmordattentäter in die Luft jagen und 23 Menschen mit in den Tod reißen, sind zwei der Skandinavier nicht allzu weit entfernt. Und eine halbe Stunde zuvor an der Stelle des Anschlags vorbeigekommen.

Oliver Bechmann

Erschienen unter dem Titel „Sei immer bereit“ in der Frankfurter Rundschau am 24.2.2003.